Publikationen

Der Wohlstand der Nationen und die reziproken Zölle

Yves Longchamp, CFA · 14. April 2025

Unter den Daten und Namen, die in die Weltgeschichte eingehen werden, sind 2025 und Donald Trump zweifellos dabei. Angesichts des Wendepunkts, den die Geschichte gerade erlebt und dessen erste Zeilen wir schreiben, tauchen ein Datum und zwei Namen auf: 1776, Adam Smith und Thomas Jefferson.

Am 9. März 1776 veröffentlichte Adam Smith Der Wohlstand der Nationen und sicherte sich damit seinen Platz in der Geschichte als Vater der Ökonomie. Wenige Monate später, am 4. Juli 1776, unterzeichnete Thomas Jefferson die Unabhängigkeitserklärung und befreite die Dreizehn Kolonien von der Herrschaft Englands.

2026 feiern wir den 250. Jahrestag dieser Schriften — und ein Jahr Präsidentschaft unter der sichtbaren Hand von Donald Trump. Das Aufeinandertreffen dieser Jubiläen wird Funken schlagen: ein Zusammenprall der Ideen zwischen der fortschrittlichen Vergangenheit und der nostalgischen Gegenwart.

Der Wohlstand der Nationen und die Unabhängigkeitserklärung

Thomas Jefferson las den «Wohlstand der Nationen», den er als das beste Buch über Geld und Handel betrachtete. In diesem Werk führte Adam Smith mehrere für seine Zeit innovative Ideen ein. Zunächst kritisierte er den Merkantilismus und plädierte für Freihandel und Arbeitsteilung. Er befürwortete einen begrenzten Staat, der das Privateigentum schützt und Gesetze durchsetzt, damit die Märkte fair funktionieren.

In der von Thomas Jefferson unterzeichneten Unabhängigkeitserklärung vereinten sich die dreizehn Kolonien und befreiten sich vom Joch des Vereinigten Königreichs. Dieses politische Dokument beschreibt die Entbehrungen und Verbote, die Georg III. den Kolonien der Neuen Welt auferlegte und die Menschen — die alle gleich geschaffen sind — daran hinderten, unveräusserliche Rechte wie Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu verfolgen. «Sobald irgendeine Regierungsform diesen Zielen abträglich wird, hat das Volk das Recht, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen, gegründet auf solchen Prinzipien und in solcher Form organisiert, wie es ihm zur Gewährleistung seiner Sicherheit und seines Glücks am geeignetsten erscheint.»

Die Unabhängigkeit des Wohlstands und die Erklärung der Nationen

In seiner Umschreibung der Geschichte vertauscht Trump die Worte und pervertiert den Sinn der Gründungstexte. Wenn wir in einem Jahr den Wohlstand der Nationen und die Unabhängigkeitserklärung feiern, werden wir auch auf das erste Jahr der Präsidentschaft Trump 2.0 zurückblicken.

In den letzten 75 Jahren ist der Wohlstand der Vereinigten Staaten enorm gewachsen. Das reale BIP hat sich um den Faktor 11,1 erhöht, das reale verfügbare Haushaltseinkommen um 11,7 und das reale Haushaltsvermögen um 16. Die Vermögensakkumulation hat sich seit den späten 1970er-Jahren beschleunigt und erreicht das 7,7-Fache des verfügbaren Einkommens und das 5,7-Fache des BIP, wie Abbildung 1 zeigt.

Abbildung 1: Nettovermögen der amerikanischen Haushalte relativ zu verfügbarem Einkommen und BIP seit 1950
Abbildung 1: Nettovermögen der amerikanischen Haushalte. Quelle: Financial Accounts of the United States (Z.1), Yves Longchamp.

Die amerikanischen Haushalte haben stark vom globalen wirtschaftlichen Wohlstand profitiert, besonders in den letzten 50 Jahren. Doch dieser Wohlstand wurde nicht gleichmässig über die Bevölkerung verteilt, wie jeder Besucher dieses schönen Landes rasch feststellt. Der Gini-Index bestätigt, dass die Ungleichheit in den letzten 50 Jahren zugenommen hat, während sich die Vermögensakkumulation beschleunigte.

Das Problem ist also die Verteilung, nicht die Schaffung von Wohlstand. Zölle zu erheben ist unangemessen und gefährlich für die Vereinigten Staaten (und den Rest der Welt). Mit drohender Stagflation oder Rezession werden die Zölle die amerikanischen Haushalte direkt treffen, ihre Kaufkraft mindern und die bestehenden sozialen Spannungen anheizen.

Auch für die Milliardäre sind die Zölle keine gute Nachricht. Die zehn grössten Vermögen der Welt, mehrheitlich amerikanische, haben laut Business Insider in den drei Tagen nach dem Liberation Day sagenhafte 74 Milliarden US-Dollar verloren. Zu den grossen Verlierern gehören Jeff Bezos und Elon Musk mit Verlusten von 16 beziehungsweise 11 Milliarden Dollar. Musk hat soeben verkündet, die Zölle seien «ein riesiger politischer Fehler». Hoppla!

Jenseits dieser Anekdote des grossen Verlierers: Das Vermögen der amerikanischen Haushalte ist eng an den Aktienmarkt gekoppelt — die Korrelation beträgt 0,71 (Abbildung 2). Ein Drittel der Haushaltsvermögen steckt in Immobilien, die übrigen zwei Drittel sind Finanzanlagen, davon die Hälfte Aktien.

Abbildung 2: Nettovermögen der amerikanischen Haushalte und der Aktienmarkt (NYSE)
Abbildung 2: Nettovermögen der amerikanischen Haushalte und der Aktienmarkt (NYSE). Quelle: Bloomberg, Financial Accounts of the United States (Z.1), Yves Longchamp.

Wie Adam Smith vor fast 250 Jahren schrieb, sind Freihandel und Arbeitsteilung Quellen von Wohlstand und Reichtum. Handelsschranken hemmen das Wachstum und verlangsamen die Vermögensbildung. Es gibt keine Unabhängigkeit des Wohlstands und keinen Merkantilismus.

Kehren wir schliesslich zu Thomas Jefferson und der Unabhängigkeitserklärung zurück. Die Machtkonzentration in den Händen von Trump 2.0 und sein Wunsch nach einer dritten Amtszeit sind ernst genug, dass Buchmacher ihm laut einem jüngeren Artikel der Financial Times eine Erfolgschance von 18% einräumen. Träte dies ein, würden wir das Regime wechseln, Trump 3.0 in Trump III. verwandeln und uns eher Georg III. aus der Unabhängigkeitserklärung annähern als einer Erklärung der Nationen durch die Wahlurne.

Fazit

Indem er das Übermass predigt, hofft Trump, viel zu gewinnen. Doch wer übermässig fordert, riskiert auch den Bruch. Die jüngste Kehrtwende des Präsidenten — Zölle von 10% für 90 Tage, ausser für China (125%) — zeigt, dass er die Bedingungen nicht einseitig diktieren kann.

Sind 10% ein Erfolg für Trump und eine siegreiche Niederlage für den Rest der Welt? Mit Zöllen verlieren wir alle. Das Spiel aus Verhandlungen, Drohungen, Vergeltungen und schliesslich Zugeständnissen beginnt. Trump gratulierte sich selbst dazu, der Weltwirtschaft einen Zoll von 10% auferlegt und China bestraft zu haben — was seine Basis einigermassen beruhigte und die Spannungen in seiner Administration entschärfte.

Mit Ausnahme Chinas schätzt der Rest der Welt diese Atempause, die den bittersüssen Geschmack einer siegreichen Niederlage trägt. Schliesslich sind 10% der tiefstmögliche reziproke Zoll. Wir danken den Finanzmärkten, dass sie unisono Alarm geschlagen haben.

Unabhängig vom endgültigen Ausgang der Verhandlungen markiert die Einführung der Zölle den Beginn einer neuen Ära, die den Wohlstand der Nationen dauerhaft verändern wird.

Abbildung 3: und es geht weiter
Abbildung 3: Und es geht weiter.

Dieser Artikel ist eine Übersetzung einer ursprünglich auf Französisch erschienenen Kolumne auf Allnews.ch. English version.

← Alle Publikationen